Zur Erklärung des Titels vielleicht noch:
Willkommen in Holland ist eine Geschichte von Emily Pearl Kingsley, in
der beschrieben wird wie das ist ein Kind mit Down Syndrom zu bekommen.
Ultra-Kurzfassung: Man plant sein ganzes Leben eine Reise nach Italien
(Kinder) steigt irgendwann ins Flugzeug (Schwangerschaft) und träumt und
malt sich aus wie wunderbar es in Italien so sein wird. Kurz nach der
Landung stellt man aber fest, dass man in Holland gelandet ist und dort
auch bleiben muss (Diagnose Down-Syndrom). Und dann hat man zwei
Möglichkeiten, entweder man sitzt den Rest seines Lebens traurig in
Holland und wünscht sich in Italien zu sein, oder aber, man schaut sich
um und stellt fest, dass Holland doch gar nicht so übel ist und auch
seine schönen Seiten hat (so wie Tulpen, Rembrandt, WT *grins*)Ja, so
in etwa. Ratet mal welche Möglichkeit ich gewählt habe. *grins*

Willkommen in Holland.....

…der Titel dieser sehr schönen Geschichte hat für unsere Familie eine ganz wunderbare, ganz persönliche Bedeutung bekommen. Und das auf dem Wege der Musik. Die hat in unserer Familie schon immer eine große Rolle gespielt und ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Nun sind mein Mann und ich eher Liebhaber der „etwas härteren“ Musikrichtung und das scheinen wir unserem Sohn auch weitervererbt zu haben, denn er bevorzugt die gleichen Bands wie wir.

Etwa Ende 2002 entdeckten wir dann eine Band deren Musik uns direkt ins Herz getroffen und unsere Seelen berührt hat. Within Temptation! Diese, in den Niederlanden beheimatete Band ist jetzt nur schwer zu beschreiben, aber die meisten sprechen bei dieser Musikrichtung von „Gothic-Metal“, wobei ich es eher für eine Art ätherisch/epischen Metal halte... Hm, am besten passt vielleicht noch die Bezeichnung Metal mit Herz. Aber da ich Schubladen-Denken sowieso nicht mag, werde ich auch die Band in keine stecken. Wer neugierig geworden ist, muss eben selber mal reinhören. Jedenfalls habe ich mich sofort in diese Stimme verliebt und binnen kürzester Zeit meine zwei Männer damit angesteckt. Steven verpasste der Sängerin Sharon den Adel dann auch sofort den Beinamen „Engel“ (sie singt nicht nur wie einer, nein, sie sieht auch so aus, und als wir sie persönlich kennen gelernt haben stellten wir dann fest, dass sie auch einer ist!) Bei uns laufen seitdem täglich alle CDs dieser Band auf und ab, und Steven forderte dann auch ganz schnell seine „eigenen“ die er in seinem Zimmer behalten durfte.

Dann wurden beim deutschen Fanclub Eintrittskarten für ein einzigartiges Open-Air Konzert in den Niederlanden verlost; man musste lediglich eine E-Mail schreiben warum ausgerechnet wir diese Karten gewinnen wollen. Ich schrieb, dass mein Sohn mit Down-Syndrom vermutlich der jüngste Fan (zu der Zeit war er gerade 9 Jahre alt) der Band ist, und so gerne die Band zu uns nach Hause einladen möchte; und da das ja nicht geht, er Sharon gerne eines seiner Plüschtiere schenken möchte und dies ja bei diesem Auftritt tun könnte…  Prompt haben wir gewonnen, und prompt bekam ich kalte Füße, machte mir Gedanken, wie wird Steven mit so vielen Leuten auf einmal, mit der Lautstärke usw. zurechtkommen? Ich habe dann mit ihm zusammen eine Live-DVD der Band angeschaut und ihm gezeigt, guck, so viele Leute werden da sein, und es wird sehr sehr laut sein! Aber Steven war einfach nur begeistert und voller Vorfreude, glücklich schauten wir uns wieder und wieder die DVD an und er freute sich einfach nur: „Wir fahren auf ein Konzert zu Within Temptation!“ (mal ganz nebenbei bemerkt, das kann er perfekt aussprechen, genauso wie den Titel eines seiner Lieblingssongs „Mother Earth“)

Kersouwe Der große Tag kam, Tasche packen, Plüschkatze nicht vergessen, und ab nach Hestwijk in Holland. (Im Hinterkopf noch den Sicherheitsgedanken: „wenn es Steven zu laut und/oder zu heftig wird mit den vielen Leuten – ca. 1.200 – können wir ja weiter nach hinten oder auch raus gehen, ist ja Open-Air“) Dort angekommen bezogen wir unser Hotelzimmer, ruhten uns noch ein wenig aus und machten uns dann auf den Weg zum Kersouwe-Theater. Ab diesem Moment trug Steven die Plüschkatze für Sharon im Arm. Geduldig wartete er mit uns bis die Tore sich endlich öffneten; die Vorgruppe fand er dann allerdings ziemlich uninteressant, was er schon nach drei Liedern kommentierte: „Die können jetzt gehen, ich will Within Temptation hören!“ Während der Umbaupause suchte ich mir mit Steven ein schönes Plätzchen ziemlich vorne damit er gut sehen kann, stöpselte seine Ohren mit Silikon-Hörschutz zu, breitete eine Rettungsdecke aus und setzte mich mit ihm darauf, sein Papa ging ein bisschen weiter nach rechts und wollte lieber stehen.

Dann fing es endlich an, die langersehnten ersten Töne von Within Temptation erklangen… und Steven, der zum ersten Mal in seinem Leben den Bass im gesamten Körper spürte, bekam einen Riesenschreck! „Ich brauch sofort meinen Papa!“ Ok, ich packte die Decke wieder ein, den Steven auf meinen Rücken und machte mich auf die Suche nach meinem Mann, den fand ich zwei Lieder später, und Steven fühlte sich inzwischen auf meinem Rücken sauwohl, hatte überhaupt keine Angst mehr und rockte kräftig mit! Und so ging es im Prinzip während des gesamten Konzertes. Ermüdungserscheinungen? Na, bei Steven jedenfalls nicht, im Gegensatz zu seinen Eltern, die ihn abwechselnd auf dem Rücken trugen. Er hatte jedenfalls durchgehend seinen Spaß! Leider ist auch das beste Konzert irgendwann zu Ende, die letzte Zugabe gespielt, und die Band verlässt die Bühne.

Stevens einziger Kommentar: Jetzt geh ich Sharon die Katze schenken!“

Leider haben wir die Verantwortliche vom Fanclub nicht mehr wiedergefunden, die eigentlich mit unserem Sohn in den Backstage-Bereich gehen wollte damit er seine Plüschkatze überreichen kann. Sollten wir ihm jetzt wirklich sagen, dass das nicht geht? Nachdem er sich wochenlang darauf gefreut hat? Nachdem er den halben Tag und die ganze Nacht diese Katze festgehalten hat? Nein, da waren wir uns einig, das geht nicht! Also sind wir auf eigene Faust los Richtung Backstage und haben es auch direkt gefunden. Aber an der Eingangstür stand eine resolute Dame die uns ohne Backstage-Ausweis nicht reinlassen wollte. Ich erzählte ihr, dass hier der jüngste Fan der Band ein Geschenk für Sharon hat und er nun inzwischen sehr müde ist und nicht mehr so lange warten kann bis die Band da rauskommt zur After-Show-Party. Und gerade als sie sagte sie wolle jemand reinschicken der Sharon fragen geht ob das in Ordnung ist, kam Ruud (einer der Gitarristen der Band) um hineinzugehen und fragte mich freundlich was los sei; ich erzählte ihm das Ganze noch einmal, er ging kurz rein, kam keine Minute später mit einem der Tour-Manager wieder und die Beiden brachten uns dann hinein. Steven fasste vertrauensvoll die Hand des Tour-Managers, der grinste kurz und ging Hand in Hand mit unserem Sohn voraus.

So stand dann also unser Sohn andächtig vor Sharon, war tatsächlich sogar etwas schüchtern und überreicht ihr die Katze, und was macht Sharon? Sie küsst (!!!) ihn links und rechts auf die Wange! Ich kann nicht beschreiben wie sehr er sich gefreut hat. Sie hat sich kurz mit ihm unterhalten und das sogar auf Deutsch! (Auf ihre Frage nach dem Namen der Katze antwortete er: „Schmusekatze natürlich!) Sie hat seine kleine Kinderseele sehr, sehr glücklich gemacht! (von mir möcht ich jetzt gar nicht erst reden, mir steht beim Schreiben das Wasser in den Augen).

Aber das ist ja noch nicht alles! Denn wir drehen uns um und stehen vor Robert, Ruud, Martijn und Jeroen (fast die gesamte Band, nur Drummer Stephen hat noch gefehlt). Mein Sohn hat dann mal gleich Robert umarmt (für Steven war das ja wie alte Freunde treffen, kannte er sie doch durch diverse Videos in- und auswendig, inklusive des dazugehörigen Instruments) und auch dieser war sehr lieb zu unserem Sohn, das lässt sich nur schwer in Worte fassen. Die ganze Band, es sind alles sehr freundliche, sympathische und natürliche Menschen und sie waren wirklich sehr nett zu unsLeider waren wir von dem Kuss-Moment mit Sharon so ergriffen, dass wir glatt vergessen haben davon ein Foto zu machen, aber dafür gibt es ja ein ganz tolles Foto von Ruud und Robert die sich für dieses Foto mit unserem Sohn sogar hingekniet (!) haben.

Es war rundum ein fantastischer Abend, für Steven war es das erste Konzert überhaupt und er fand es supertoll! Die Band persönlich kennen lernen zu dürfen hat ihn unglaublich stolz gemacht. (Und er erzählt heute noch jedem: Sharon hat mich geküsst, guck hier und hier und er zeigt dabei auf seine Wangen.)

Bis wir wieder in unserem Hotelzimmer waren war es mittlerweile halb zwei, Steven ist buchstäblich ins Bett gefallen und weg war er. Es war schon irre anstrengend für ihn, aber eine schöne Anstrengung.Und am nächsten Morgen beim Frühstück hat er direkt gefragt:Wann fahren wir wieder zu Within Temptation?

Alle Gedanken, die ich mir im Vorfeld gemacht hatte, waren völlig unnötig! Wir hatten alle drei einen wunderschönen Abend, ein tolles Konzert und dann noch die Band persönlich kennen gelernt, was will man mehr? Und dabei sind wir normalerweise nicht die Typen die den Stars "nachrennen" bloß für ein Foto oder ein Autogramm, dennoch haben wir es sehr genossen, denn für unseren Sohn war es das absolute Highlight, und so dann auch für uns Eltern!

Einige Monate später waren wir Eltern wieder auf einem Konzert in den Niederlanden, diesmal in Zwolle, und diesmal ohne unseren Sohn. Aber wir hatten zwei Vergrößerungen von dem schönen Foto mit den beiden Gitarristen anfertigen lassen und auf einem davon unseren Sohn „Danke, Euer Steven“ draufschreiben lassen, das haben wir der Band geschenkt, die sich tatsächlich an uns erinnerten und fast ein wenig enttäuscht waren, dass Steven diesmal nicht mit dabei war. Und sie haben auf der zweiten Vergrößerung mit einer persönlichen Widmung für Steven alle unterschrieben. Ruud schenkte uns sogar noch ein Original WT-Gitarrenplektron für ihn. Steven hat sich wie verrückt darüber gefreut, (nicht ohne auch darüber gekichert zu haben, dass Robert auf seine Glatze und Sharon auf Stevens Bauch geschrieben hat…) Jedenfalls musste das Bild in einen schönen Rahmen und hängt jetzt über seinem Bett am Kopfende, und schon mehr als einmal hat er die Band in sein Nachtgebet mit eingeschlossen!

Und dann entdeckte ich auf der Konzertliste, dass WT an meinem Geburtstag in einem kleinen Club (für ca. 350 bis 400 Personen) in Leeuwarden auftreten und dachte wie schön das doch wäre meinen Geburtstag mit meiner Familie dort zu feiern… und so kam es dann auch, im April waren wir wieder auf dem Weg in die Niederlande, zu einem tollen Konzert, mit einem überglücklichen Steven der sich sehr darauf freute! Die Vorgruppe gefiel ihm wieder nicht, er fand sie zu laut (obwohl WT nachher viel lauter waren, und seine Ohren ja ohnehin wieder mit Silikonstöpseln geschützt waren) und konnte kaum abwarten, dass seine (unsere) Lieblinge endlich anfangen! Und als es endlich soweit war, standen wir wieder fast ganz vorne, Steven auf unserem Rücken und hatten wieder alle viel Freude (auch mit den umstehenden Fans). Das allerschönste aber war wohl, das Ruud, Robert und Sharon uns von der Bühne aus erkannt und gegrüßt haben! Auch nach diesem Konzert ergab sich wieder die Gelegenheit mit den einzelnen Bandmitgliedern zu sprechen. Steven hat Ruud zur Begrüßung gleich mal wieder kräftig umarmt und ihm ein fröhliches „Rudi Rudi Ralala“ gesungen, (wir haben sehr gelacht) auch von allen anderen Bandmitgliedern wurde Steven sehr herzlich (und alle wussten seinen Namen noch!) begrüßt, und er fühlte sich natürlich ganz besonders wohl und es sind einige sehr schöne Fotos entstanden. Zur großen Freude seiner Mutter bekam er dann auch noch von der Crew eine Setliste (das sind die Zettel die sich die Bands mit dem geplanten Ablauf auf die Bühne legen) geschenkt. Bei Fans sind diese Setlisten heiß begehrt, und unser Sohn bekommt einfach eine geschenkt und diese dann auch wieder mit einer persönlichen Widmung von Ruud (und natürlich auch wieder mit allen Unterschriften) versehen. Wowh!

Zu diesem Zeitpunkt war mir längst klar, dass ich auf jeden Fall einen Bericht für „Leben mit Down-Syndrom“ darüber schreiben werde. Und so erzählte ich Ruud davon und fragte ihn ob es denn erlaubt sei, für diesen Zweck einige unserer Fotos mit der Band zu veröffentlichen. Er fand, dass das eine ganz tolle Idee sei und war sehr begeistert darüber, dass es so etwas wie das Deutsche Down-Syndrom InfoCenter und die Zeitschrift „Leben mit Down-Syndrom“ gibt! Sein Einverständnis, die Fotos für diesen Zweck zu veröffentlichen hätte ich auf jeden Fall, aber ich müsste mir noch das OK des Managements dazu holen, was ich natürlich gemacht habe. Und weil auch das Management damit einverstanden war ist dieser Bericht mit tollen Fotos bereichert, auf denen man sehen kann, wie glücklich und wie stolz Steven auf „seine“ Band ist!

Das Konzert und die erneute persönliche Begegnung mit den Musikern war wieder ein tolles Erlebnis für uns drei. (Und für mich persönlich einer meiner schönsten Geburtstage.) Es war mal wieder interessant zu erleben wie es unser Sohn, mit seinem unvergleichlichen Charme und seiner direkten Art, geschafft hat eine Tür zu öffnen, an die wir im Normalfall noch nicht einmal gewagt hätten anzuklopfen!

Durch Steven haben wir entdeckt wie schön es in den Niederlanden wirklich ist und wir werden sicher noch ganz oft hinfahren (und ganz sicher auch wieder das eine oder andere Konzert besuchen) weil wir uns dort wirklich sehr willkommen fühlen! Und das nicht zuletzt wegen der wunderbaren Band Within Temptation.
Noch eine nette, kleine Geschichte hintendran: Als vor einigen Wochen das neue Video zur Single „Angels“ Premiere im deutschen Fernsehen hatte, saß ich mit meinem Sohn erwartungsvoll vor dem Gerät. In einer Szene sind alle Bandmitglieder mit großen, weißen Engelsflügeln zu sehen. Und Steven ruft aus: „Ich hab´s doch gewusst, sind alles Engel“ Recht hat er!
Abschließend möchte ich allen Eltern dringend raten, traut Euch mit Euren Kindern auch mal ungewöhnliche Dinge zu machen, es lohnt sich in jedem Fall! Wenn es etwas gibt was Sie oder Ihr Kind gerne mal tun würden und Sie es bisher nicht gewagt haben wahr zu machen; nur zu, auch wenn es vielleicht noch so verrückt sein mag! Ich weiß, dass es in unserer Gesellschaft NICHT „normal“ ist mit einem 9jährigen (noch dazu einem mit DS) ein Metal-Konzert zu besuchen. Aber, was ist denn schon „normal“? Wichtig ist doch, dass aus so einer „kleinen Verrücktheit“ etwas sehr Schönes entstehen kann, so wie jetzt bei uns.

Wir haben jetzt wieder gelernt, dass wir mit unserem außergewöhnlichen Sohn nicht nur ganz normal ins Restaurant zum Essen gehen können, (wie wir das seit Jahren schon tun) sondern eben auch ganz normal, außergewöhnliche Konzerte besuchen und dabei alle unseren Spaß haben können!

Ganz liebe Grüße
Angelika